Das Blatt wendet sich

An einem schönen Tag, kamen zwei Frauen zu uns zu Besuch. Die eine schaute sich ganz interessiert meine neuen Freunde an und schien zu überlegen, wer von uns am schönsten war. Die andere hatte fast nur Augen für mich. Sie sah mich ganz bedauernd an und ich hatte gehofft, sie würde bei mir bleiben. Kurze Zeit später waren beide wieder weg. Von meinen Freunden fehlten einige. Wie zuvor auch, immer wenn Leute kamen und uns angeschaut haben, fehlten anschliessend wieder einige meiner Freunde und kamen nicht wieder zurück.

 

Der Tag kam, an dem mich ein junger Mann ansah. Ich war schon so traurig, hungrig und ausgezehrt, dass er sich entschlossen hat, mich mitzunehmen. Es wurde eine Styroporkiste geöffnet in die man mich hineinlegte. Ich war so allein und es war dunkel, die Angst war immens! Kurze Zeit später wurde die Kiste geöffnet und als ich nach oben sah, schaute ich in die Augen der Frau, die mich so bedauert hatte.

Sie nahm mich heraus und schaute mich an. Sie redete mit mir und brachte mich zuerst mal raus in die Sonne. War das toll ... endlich wieder einmal ein Paar Sonnenstrahlen auf meinem Panzer. Wenn mir nur nicht so schlecht und übel gewesen wäre!

Sie stellte mir Futter hin. Es duftete lecker und ich hatte ja auch Hunger, aber ich brachte nichts hinunter. Es tat alles so schrecklich weh!

Am nächsten Tag wurde ich schon wieder in eine Kiste gepackt. Sollte ich schon wieder wo anders hingebracht werden?

Als man mich wieder herausgenommen hatte, war ich bei einem Tierarzt. Das kannte ich ja gar nicht. Was dort alles mit mir gemacht wurde, unglaublich! Am Schluss bekam ich noch eine Spritze und dann kam ich zurück in die Transportkiste.

In meinem neuen Zuhause wieder angekommen fing ich dann an, die ersten Bissen zu mir zu nehmen. Meine neue Freundin hielt mir die leckersten Bissen direkt vor den Mund, da konnte ich einfach nicht widerstehen!

Jeden Tag frass ich ein klein wenig. Es wurde mir alles mögliche vorgesetzt. Ja sogar Sachen die ich aus der Heimat kannte. Aber geschmeckt haben die hier einfach nicht so wie daheim..... Alles war irgendwie noch unreif und nicht so sonnenverwöhnt wie damals ......
Schön war es trotzdem, dass ich Früchte aus der Heimat um mich herum hatte, das ist so was vertrautes.

Mir war langweilig und ich war so allein, sollte ich nun bis zu meinem Ende alleine bleiben? 

Wo waren die anderen mit denen ich bis vor kurzem zusammen war?

 

Meine neue Familie

Als ich schon nicht mehr dran glauben wollte, geschah das unfassbare:
Zwei meiner engsten Freunde kamen zu mir in mein neues Heim. Ich war so voller Freude und habe sie sofort begrüsst.

 

Auch ihnen schien es nicht sonderlich gut zu gehen und sie waren abgezehrt, durstig und hungrig. Als sie das erste Futter hier bekamen war es für uns alle ein richtiges Fest. Wir waren wieder zusammen und hoffentlich trennt uns nichts und niemand mehr.

Alle drei hatten wir so viele Parasiten und die schwächten uns enorm. Die Mittel die wir schlucken sollten, waren alles andere als gutschmeckend. Trotzdem haben wir sie genommen.

Die beiden erzählten mir was noch alles so lief nachdem ich weg war.
Wir sind froh, dass wir dort nicht mehr länger bleiben mussten und hoffen, hier nun blieben zu dürfen.

Alle drei zusammen und bitte keinen mehr von uns wegnehmen, ok?

 


Die schwere Krankheit bricht voll aus

Dann war es soweit, die Gedanken an zuhause waren da, mir ging es so schlecht und ich frass nichts mehr. Meine Leber und meine Niere streikten. Ich war furchtbar krank. Und meine Freunde auch, die hatten die selben Krankheiten auch. So konnte keiner den anderen aufmuntern und über die schweren Stunden trösten.

Meine neuen Freunde kümmerten sich Tag und Nacht um uns. Kurz vor Weihnachten war es dann so weit, dass wir mit unseren weissen Zungen nun auch noch mit Lungenentzündungen zu kämpfen hatten. Meine Menschenfreundin kam zu mir, nahm mich heraus und drückte mich ganz fest an sich. Sie weinte und sagte immer wieder zu mir, dass ich nicht aufgeben darf. Sie erzählte mir, dass ich eingeschläfert werden sollte. Was auch immer das heissen mag, es muss schlimm sein, denn meine Freundin weinte bitterlich und der Mann an ihrer Seite auch. Sie sagte mir auch, dass sie es nicht erlauben werde und diese schweren Zeiten mit uns zusammen durchstehen werde. 
Warum, was war geschehen, ich verstand auf einmal gar nichts mehr.

Ich wollte einfach nur leben!

Ich habe meine neuen Freunde (Mensch und Schildkröten) immer wieder genau angesehen und festgestellt, dass sie mit mir zusammen wirklich durch die Hölle gingen. Gemeinsamkeit macht stark und ich habe gelernt, dass man sich auf einige Menschen doch verlassen kann.

Weil ich abgenommen hatte und so schwer krank war, bekam ich nun Spritzen und das Futter wurde mir direkt in den Magen gegeben. Igitt war das unangenehm, wenn sie mir den Schlauch in den Magen geführt haben. Anschliessend war ich immer so was von satt. Es hat gut getan, denn so waren die Schmerzen im Magen durch den Hunger wenigstens wieder weg.

Nach einer Spritze musste ich mich übergeben, das war scheusslich. Eine andere diente dazu, dass ich pinkeln musste, es war keine Möglichkeit irgendwie das zu bremsen. Schmerzen hatte ich fürchterliche und die einzigste Linderung in der Zeit waren die warmen Bäder die man mir machte. Tees in denen ich baden durfte, die habe ich auch gerne mal getrunken.

Ich kann euch sagen, das war eine schlimme Zeit. Mir war immer so schlecht, ich war müde und wollte aber nicht schlafen. Ich wollte allein sein und gleichzeitig wieder nicht. Ich hatte Hunger und bekam keinen Bissen hinunter. Es war eine schlimme Zeit.

Ich war um es ganz schlicht zu sagen ... sterbenskrank.

 

Es geht wieder aufwärts

 

Nach endlos erscheinenden Wochen ging es mir dann wieder etwas besser.
Meine Menschenfreundin hat mir jeden Tag das leckerste Futter angeboten, aber ich hatte keinen Appetit drauf.
Ich war es ja mittlerweile auch schon gewohnt, dass das Futter direkt in meinen Magen kam ohne dass ich es fressen musste. Somit war keine Notwendigkeit der selbständigen Nahrungsaufnahme mehr gegeben. Ich war ja satt und um ehrlich zu sein, ich wusste schon gar nicht mehr wie man selbst frisst!

 

Meine Freundin hat das dann erkannt und mir von nun an täglich die verschiedensten Dinge direkt in den Mund gelegt. Ich wusste aber nicht mehr was ich damit machen sollte. Da hat sie mir den Hals massiert, der Schluckreflex der dadurch ausgelöst wurde, konnte von mir nicht unterdrückt werden und ich habe das dann hinuntergeschluckt.
Es hat zwar einige Wochen gedauert bis ich das alles wieder alleine konnte, aber die liebevolle Hingabe und Hilfe die ich erfuhr, liessen mich daran selb
st wieder glauben und üben. Es hat sich gelohnt, das Fressen macht mir wieder richtig Spass und es schmeckt auch wieder alles was ich hier bekomme.

Die vielen Medikamente die man mir gab, taten ihr übriges. Schritt um Schritt ging es mir besser. Vieles hat weh getan, anderes bitter geschmeckt. Ich habe es alles ertragen und willig mitgemacht, denn das Vertrauen das ich den Menschen hier entgegenbrachte, wurde nicht missbraucht. Das habe ich sehr schnell gemerkt.

Täglich wurde ich in Tees gebadet, vor das Futter gesetzt, bekam die Medikamente in den Mund (und habe alles brav geschluckt) und musste endlose Spritzen dulden.

Kotproben wurden untersucht und die gefundenen Parasiten bekämpft, ich wurde gewogen und vermessen.
Sogar mein Urin wurde immer wieder mit solchen kleinen Stäbchen getestet. Das machte mir ja nichts aus, denn das habe ich nicht gemerkt, da das im bereits ausgeschiedenen Fäkalien erfolgte.

Langsam, ganz langsam kamen wir (meine Freunde und ich) wieder zurück zu den Lebenden .. und da wollen wir auch bleiben!

 

Unser erster Sommer in Deutschland

Nachdem wir uns einigermassen erholt hatten und auch wieder regelmässig gefressen haben, war es Sommer geworden. Was geschah denn nun ? Unser Terrarium haben wir gekannt und wir sind immer noch sehr schüchtern und trauen uns keinen Meter aus den Verstecken heraus.

Der Tag war da, wir wurden in eine Kiste gesteckt und hinausgetragen.
Was das toll!
Frische Luft, Sonne, frisches Gras unter den Beinen und ein riesiges Gehege .. für uns drei allein!

Da war ein grosser hohler Baumstamm, unter dem haben wir uns zu dritt eng aneinandergedrückt versteckt. Das war unser Hauptversteck den ganzen Sommer lang. Morgens war der Baumstamm im Schatten, dann kam die Sonne zu uns herein und wir haben es richtig genossen, gegen Abend waren wir dann wieder im Schatten. So hat es uns schon gefallen, aber aus dem Baustamm heraus haben wir uns von allein noch nicht getraut.

Das Gehege scheint groß zu sein, aber allein auf die Pirsch, das ist uns einfach noch zu riskant. Wer weiss, was uns da passiert, wenn wir unsere sichere Höhle verlassen?

Zum fressen werden wir immer wieder herausgeholt, da kann man schon mal den einen oder anderen Blick aus den Augenwinkeln heraus machen. Ich habe genau gesehen, dass da ein grosser Bereich mit viel Wasser ist, den muss ich mir einfach genauer ansehen. Aber nur wenn mich keiner beobachtet. Sicher ist sicher:-)

Wir sind alle drei noch ziemlich schlapp und müde, die schweren Krankheiten haben uns mehr zu schaffen gemacht, als dass wir geglaubt hatten. Die Sonne tut uns immer sehr gut und wir geniessen es, in der sicheren Umgebung diese Wärme aufzunehmen.






Ich werde euch bald erzählen, wie es mit uns dreien weitergegangen ist.